Bridenstine

NASA-Administrator Jim Bridenstine

Jim Bridenstine ist überzeugter Republikaner, mit fragwürdigen Aussagen zum Klimawandel aufgefallen und behauptet entgegen dem wissenschaftlichen Konsens, Pluto sei ein Planet. Unter seiner Administration geht die NASA so viele internationale Kooperationen ein wie noch nie zuvor, nationale Alleingänge lehnt er ab, die Mondlandung möchte er gemeinsam mit Russland und Europa durchführen. Wer ist diese Person, die scheinbar widersprüchliche Aussagen macht und die NASA doch zu alter Stärke geführt hat?

Trumps Favorit

Bridenstines Karriere als NASA-Administrator begann – vorsichtig gesagt – holprig. Als Lieblingskandidat von US-Präsident Trump war er im Kongress natürlich vorbelastet. Er war kein Astronaut, hat kein naturwissenschaftliches Studium und ist durch skeptische Töne beim Klimawandel aufgefallen. Er glaubte nicht an die menschliche Ursache der Erderwärmung – stellte sie zumindest in Frage. Keine gute Voraussetzung für die Leitung einer Behörde, die Milliarden in Erdbeobachtung und Klimaforschung investiert. Als Trump Bridenstine vorschlug spekulierte man, er wolle die NASA mit diesem Kandidaten außer Gefecht setzen – einen weniger, der von internationaler Kooperation und Klimaschutz faselt. So tat er es kurz bevor, indem er einen glasklaren Klimawandelleugner und Rechtspopulisten an die Spitze der amerikanischen Umweltbehörde EPA setzte. Mit einer ordentlichen Etarskürzung für die NASA unterstrich er dies zunächst.

Sinnkrise bei der NASA

Zusätzlich erschwerte es Bridenstines Laufbahn, dass sich die NASA in einer existenziellen Krise befindet. Seit dem spektakulär gescheiterten Shuttle-Programm, dass hunderte Male teurer war als geplant und 14 Menschenleben kostete konnte die NASA nicht einmal mehr selbst Menschen zur ISS bringen, sondern war auf die russischen Sojus-Kapseln angewiesen – eine Schmach für eine Behörde, die stets behauptete, den Russen voraus zu sein. Das von Präsident Bush bereits vorfinanzierte Projekt Constellation, welches eine Marslandung in den 2030ern zum Ziel hatte wurde unter Obama ergebnislos eingestellt.

Das Space Shuttle Endeavour beim Start

Stattdessen sollte erstmal nur das SLS gebaut werden, eine Schwerlastrakete, die Menschen zum Mond bringen soll. Man bezeichnete sie häufig als „Rakete ins Nirgendwo“, da sie fünf Jahre hinter dem Zeitplan hing, das vorgesehene Budget schon dort überschritt und von der niemand wirklich glaubte, dass sie je abhebt. Den Demokraten jedoch brachte sie Wähler in entscheidenen Swing States ein, die durch Raumfahrtindustrie viel Wirtschaftskraft generieren. Ein trauriger Stand der Dinge 50 Jahre nach der ersten Mondlandung.

Kommerzialisierung im All

Bridenstine übernahm die NASA also in einem desolaten Zustand. Doch das Blatt wandte sich. Zunächst revidierte er seine Aussagen zum Klimawandel. Sie seinen „Teil eines politischen Spiels gewesen, das sich in Washington D.C. abspielt.“ Er ziehe den menschengemachten Klimawandel in keiner Weise in Zweifel. Kam gar nicht gut an beim POTUS und den Parteikollegen. Doch noch mehr. Innerhalb weniger Monate schaffte er mehr als die NASA in den vergangenen zehn Jahren. Er unterschrieb Verträge mit SpaceX und Boeing, seitdem bringen amerikanische private Firmen Nachschub auf die ISS – lange war das eine Utopie. Doch er wollte den USA auch einen bemannten Zugang ins All ermöglichen – also überschüttete der SpaceX und Boeing mit Fördergeldern, mit denen diese ein bemanntes Raumschiff entwickeln sollten. Innerhalb weniger Monate beendete er die jahrelange Abhängigkeit von Russland. Damit sparte die NASA hunderte Millionen.

Doch die Zusammenarbeit mit Russland ist damit keineswegs beendet. Statt nun einen nationalen Alleingang hinzulegen bot er Russland an, russische Astronauten in den Kapseln von SpaceX und Boeing fliegen zu lassen, wenn amerikanische Astronauten weiterhin die Sojus-Kapseln nutzen können. Eine diplomatische Meisterleistung: Zunächst in eine gleichberechtigte Position bringen und dann auf Kooperation setzen. So läutete Bridenstine eine neue Ära der Raumfahrt ein: Die Ära der Kommerzialisierung. An der Spitze dieser Entwicklung stehen Planungen für Weltraumhotels und Satellitenflotten, die einen globalen Zugang zum Internet ermöglichen sollen.

Eine Rakete von SpaceX beim Start

Tiefer ins All vordringen

Gleichzeitig mit der kommerziellen Eroberung des erdnahen Weltraums läutete Bridenstine den Rückzug der NASA aus dem Erdorbit und aus der ISS-Partnerschaft für das Jahr 2024 an. Man möchte Menschen wieder tiefer ins All bringen, Außenposten im ganzen Sonnensystem errichten.

Auch der unter Präsident Obama eingesetzte NASA-Chef Charles Bolden wollte dies. Doch er machte elementare Fehler, die sein Nachfolger souverän meisterte. So wollten Bolden eine bemannte Mission zu einem erdnahen Asteroiden bereits in den frühen 2020er Jahr. Doch die Begeisterung für diese schon lange vorgeschlagene Mission hielt sich schon immer in Grenzen. Eine langfristige Präsenz oder gar eine Basis ist dort nicht einzurichten, die Landung ist kompliziert und teuer, die Technik komplex und neu zu entwickeln. Die wissenschaftliche Ausbeute wäre nur geringfügig höher als bei einer unbemannten Mission. Wegen all dieser Punkte war die Mission von Anfang an zum Scheitern verurteilt – auch wenn sie für die 2030er Jahre natürlich noch eine Option darstellt.

Ein neues Prinzip

Und noch etwas unterscheidet Bridenstine von Bolden – was mehr als verwunderlich scheint, wenn man die Vorgesetzten der beiden betrachtet. Bridenstine agiert viel offener, kooperationsfreudiger, internationaler. Als NASA-Chef Bolden und ESA-Chef Wörner über die Zukunft der gemeinsamen Kooperation berieten, war Bolden offen für Kooperation, jedoch nicht auf dem kritischen Weg. Die NASA werde es also niemals akzeptieren, dass ein für den Start der Mission notwendiges Teil nicht in den USA produziert wird – das schränkte die NASA erheblich ein und machte aufwändige Projekte wie eine Mondbasis oder gar einen bemannten Marsflug undenkbar.

Genau dieses Prinzip warf Bridenstine über Bord. Er hob sich von Bolden ab, in dem er das Thema Asteroid zunächst strich und sich auf das zeitnah realistische und dennoch nachhaltige konzentrierte – den Mond. Ein bemanntes Mondprogramm ist innerhalb von wenigen Jahren durchführbar. Genau diesen zeitlichen Druck benötigt man. Denn – das hat die jüngere Geschichte die NASA gelehrt – setzt man Ziele mehr als zwei Legislaturperioden in die Zukunft, kann man sich beinahe sicher sein, dass es irgendeine andere Administration streicht. So rief Bridenstine das neue Mondprogramm „Artemis“ aus. Schon 2022 sollen dort Menschen den Mond umkreisen, 2023 soll eine Raumstation dort gebaut werden, 2024 sollen dort Menschen landen. Eins straffer, aber machbarer Zeitplan.

Projekt Orion

Der Neuaufbruch bei der NASA wird durch das Orion-Raumschiff verkörpert. Dieses Raumschiff soll Menschen in den Deep Space bringen können, also zum Mond, zum Mars und zu Asteroiden. Dabei soll es drei mal geräumiger als Apollo sein, Solarkollektoren haben und durch Touchpads bedient werden – Apollo im 21.Jahrhundert. Doch die größte Erneuerung ist eine andere. Der wichtigste Teil des Raumschiffs kommt nicht von der NASA, sondern von der ESA. Das Servicemodul der ESA liefert Strom und Energie, treibt das Raumschiff an und betreibt die Lebenserhaltungssysteme. Bis 2018 wurde es in Bremen angefertigt, dann nach Florida zur Montage gebracht. Nun ist Orion ein voller Erfolg und bereit, Menschen zum Mond zu bringen. Wäre da nicht das SLS.

Raumschiff Orion mit angedocktem Servicemodul und Solarkollektoren

Scheitern auf Raten

SLS: Ein Wort, ein Trauma. Die eben thematisierte „Rakete ins Nirgendwo“ ist das einzige, was dafür sorgt, dass Orion bisher noch nicht einmal unbemannt zum Mond flog. Es gibt derzeit einfach keine Rakete, dass ein Raumschiff, so groß wie Orion zum Mond bringen kann. Bridenstine war unter Druck. Forderungen nach einer Streichung des SLS und einem kompletten Wechsel der Zulieferfirmen wurden laut. Das SLS was so desaströs, dass man es selbst in Erwägung zog die (vor über 50 Jahren gebaute!) Saturn V einfach neu aufzulegen und damit zum Mond zu fliegen. Ein anderer Plan lautete, Orion in seine Einzelteile zu zerlegen und einzeln mit privaten Raketen in den Orbit zu hieven. Doch Bridenstine setzt weiter auf das SLS. Eine gewagte Entscheidung. Funktioniert sie, so ist die NASA bereit für die Eroberung des Weltalls. Funktioniert sie nicht, könnte sie das Ende seiner Karriere als NASA-Administrator bedeuten.

Noch nur eine Animation: Menschen auf dem Erdtrabanten

Fazit

Jim Bridenstine macht sicherlich einen sehr guten Job als NASA-Administrator. Sollte die NASA es tatsächlich schaffen, 2024 auf dem Mond zu landen, ist Bridenstine wohl der fähigste Administrator den die NASA je hatte. Mit einem Bruchteil des damaligen Budgets hätte er das geschafft, was der legendäre James Webb schaffte – eine Landung auf einem fremden Himmelskörper organisieren. Doch er möchte mehr. Er setzt sich gegen Politiker durch, denen kurzfristiger propagandistischer Erfolg oft vorgeht, vertritt wissenschaftliche Interessen und hat ein oberstes Ziel: Eine permanente menschliche Präsenz auf dem Mond bis zum Jahr 2028. Was das bedeutet, ließ er bisher offen.

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